Das erste Kapitel - Die erste Zeit
Als mein Mann und ich beschlossen, es auf eine Schwangerschaft anzulegen, war ich fast 24 und er war 27 Jahre alt - also eigentlich im besten Alter, wenn es um die Fruchtbarkeit geht. Dementsprechend erwarteten wir beide, dass es sehr schnell gehen würde. Als in den ersten 3 Monaten nichts passierte, beruhigte ich meinen Mann noch damit, dass es normal sei, auch bis zu einem Jahr zu warten - so hatte man es mir erzählt. Außerdem hatten wir es ja bisher auch noch nicht wirklich intensiv versucht, also mit Beine in die Luft halten etc. Trotzdem fieberten wir jeden Monat meiner Periode entgegen und hofften, dass sie endlich ausbleiben würde. Tatsächlich kam dann auch sehr schnell der Zeitpunkt, dass die Periode nicht kam und ich mir absolut sicher war, dass es nun geklappt hätte! Doch der Schwangerschaftstest zeigte „negativ“. Verwirrt machte ich noch einen Test, der ebenfalls negativ war. Dann noch einen und noch einen. Meine Periode blieb 2 Wochen aus und ich war mir sicher, dass ich zu den wenigen gehörte, bei denen die Tests einfach nicht funktionierten. Ich machte ganz aufgeregt einen Termin bei meiner Ärztin und sagte ihr, dass ich definitiv schwanger sein müsste, da es sowas bei mir noch nie gegeben hätte, dass die Periode ausblieb!
Bei dem Termin stellte sie sehr schnell fest, dass ich NICHT schwanger war. Am nächsten Tag kam dann die Periode. Ich hatte es mir einfach so sehr gewünscht, dass mein Körper in den Zustand einer Scheinschwangerschaft getreten war. Dieser Zustand ist leider keine Seltenheit bei Frauen mit Kinderwunsch. Die Psyche ist so darauf fixiert, endlich schwanger zu werden, dass der Körper darauf reagiert und der Rhythmus aus den Fugen gerät. Das ist ein typisch psychosomatisches Verhalten.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich, dass es bei uns vielleicht doch nicht ganz so einfach werden würde, war mir aber weiterhin sicher, dass es einfach klappen musste, denn immerhin trank ich nicht, rauchte nicht, nahm keine Drogen - nicht einmal Kaffee, verzichtete wo es nur ging auf Schmerztabletten, achtete auf mich und meinen Körper und hatte auch nie die Pille genommen, um meinen Hormonhaushalt nicht durcheinander zu bringen… Wieso also sollte ausgerechnet ich nicht schwanger werden können, wenn um mich herum doch Frauen problemlos schwanger wurden, die nicht auf alle diese Dinge verzichteten? Das konnte für mich einfach nicht sein und ich begann verstärkt für ein Kind zu beten.
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In dieser Zeit kam es auch immer häufiger vor, dass wir gefragt wurden, wann denn endlich Kinder kämen oder ob ich gar schwanger sei. Am schlimmsten für mich war, dass ich zu dieser Zeit auch noch etwas zunahm (Stress und der Gedanke, dass man auf keinen Fall hungern durfte, wenn man schwanger werden wollte, da der Körper die Vitamine und Energie bräuchte, waren der Grund) und das von den Menschen in meiner Umgebung natürlich sofort registriert und leider falsch gedeutet wurde. In der Kirche wurde immer wieder mein Bauch gemustert und natürlich auch nachgefragt, ob es denn nun soweit sei. Wahrscheinlich kann sich jeder vorstellen, dass mir das wirklich unangenehm war. Vor allem aber wurde ich so immer wieder an den Kinderwunsch erinnert und daran, dass alle von uns erwarteten, dass endlich Kinder kamen.
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Zu dieser Zeit hatten wir noch nicht akzeptiert, dass es bei uns wirklich nicht klappte, wir klammerten uns immer noch an die Hoffnung, dass es einfach etwas länger dauern würde. Dementsprechend konnten wir mit anderen Menschen auch noch nicht darüber reden. Es mag seltsam sein, aber irgendwie fühlten wir uns wie Versager… Das scheinbar Normalste auf der Welt wollte uns einfach nicht gelingen. Andere verhüteten was das Zeug hält und wurden trotzdem schwanger und wir…. Wir fühlten uns irgendwie kaputt, nicht funktionsfähig. Deswegen war es uns in dieser Zeit extrem unangenehm, darauf angesprochen zu werden und wir waren noch überhaupt nicht dazu bereit, mit anderen über unsere Sorgen zu reden. Wenn wir auf das Thema angesprochen wurden, suchten wir Ausflüchte und sagten, dass wir noch Kinder bekommen würden, aber ich doch noch studieren würde und es deswegen einfach noch nicht an der Zeit sei. Wir fühlten uns durch diese ständigen Nachfragen so bedrängt und so unter Druck gesetzt, dass wir keine andere Möglichkeit sahen, als zu flunkern. Immerhin waren wir selber noch nicht im Reinen damit und hatten noch nicht akzeptiert, dass wir tatsächlich Probleme mit der Fruchtbarkeit hatten. Das zu akzeptieren bedeutete nämlich auch, den Schmerz darüber zu akzeptieren und alle unser Zukunftspläne neu zu denken. Es bedeutete, sich einzugestehen, dass man in diesem Bereich versagt hatte und dass man Hilfe benötigte. Es bedeutete für uns, dass wir uns eingestehen mussten, dass wir leiden würden. Dass wir ausgeschlossen wären von der Welt der Familien. Dass wir eine einsame Zukunft vor uns hätten und dass Gott uns scheinbar kein Kind anvertrauen wollte, obwohl er anderen Kinder schenkte, die diese gar nicht wollten… Es bedeutete zu akzeptieren, dass das Leben ungerecht war.
Wir hatten unglaubliche Angst und wollten das nicht. Wir beteten und flehten Gott an, uns zu erhören und uns Kinder zu schenken.
Mit anderen redeten wir nicht darüber, um uns selbst nicht eingestehen zu müssen, dass wir ein Problem hatten.
So war sie die erste Zeit.
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